Du bist nicht wehrlos – Danke für das Krav Maga Basisseminar

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Ich war nie der Typ „Superheld“, der jemandem eine Konfrontation aufgedrängt hätte. Als Kind habe ich Auseinandersetzungen vermieden, habe immer klein beigegeben – weil ich große Angst davor hatte, mich zu prügeln. Woher das kam weiß ich gar nicht so genau, als jüngster von drei Brüdern waren mir Rangeleien eigentlich nicht fremd – aber trotzdem hatte ich schon immer eine große Scheu vor Gewalt. Gleichzeitig war ich schon immer fasziniert von Selbstverteidigung, sodass ich die Chance ergriff im Kampfkunst-Studio im Krav Maga Basisseminar hineinzuschnuppern – es war erstmal ein tolles Wochenende – ich hatte viel Spaß und auch die Leute dort waren alle super lieb – ganz normale Menschen und keine Prügelknaben.

Ich lernte einige einfache und effektive Methoden – natürlich braucht es regelmäßige Wiederholung und Training um es zu verinnerlichen – doch ich lernte etwas noch viel Wichtigeres als Schritte und Tritte – ich spürte, dass ich nicht wehrlos bin. Dafür allein hatten sich die beiden Tage auf jeden Fall gelohnt.

Wenige Wochen später sollte ich dann herausfinden, wie wichtig das WIRKLICH ist. Ich war gerade auf dem Heimweg und ging über den Marienplatz um den Abgang zur U-Bahn zu nehmen. Es war kurz nach 20 Uhr, es war Sommer und deshalb noch hell, als ich eine Gruppe junger Leute bemerkte – zwei junge Männer und zwei junge Frauen – die vergeblich versuchten, ein Selfie von sich zu machen – aber irgendwie nicht alle zusammen auf das Bild passten – vermutlich war der Arm einfach zu kurz. Also ging ich hin und bot an, ein Foto zu machen – einer der beiden jungen Männer, der schon ziemlich angetrunken wirkte, nahm dankend an. Ich nahm also das Handy und ging einige Schritte zurück um zu fotografieren – da kam mir die Situation komisch vor. Es wirkte, als ob die beiden Mädels das gar nicht so wirklich freiwillig machten. Die Stimmung war einfach nicht ausgelassen und jeder, der schon mal eine ähnliche Situation erlebt hat weiß, wie es aussieht, wenn jemand zu etwas gedrängt wird.

Also ging ich auf die beiden Mädels zu und fragte sie: „Müsst ihr nicht längst die U-Bahn nehmen?“ ich zwinkerte – sie verstanden sofort und bejahten. Gespielt blickte ich auf die Uhr und meinte, die betreffende Bahn würde schon in vier Minuten fahren und dass wir uns jetzt beeilen müssten. „Ich komm mich euch mit.“ meinte ich und bemerkte, wie die beiden jungen Männer Blicke tauschten. Der größere der beiden zog eines der Mädchen am Arm und wollte sie mit sich zerren. Sein Kommentar, dass die Mädels ja noch mit ihnen um die Häuser ziehen wollten, wirkte schon längst nicht mehr witzig – geschweige denn glaubhaft. Flehend schauten mich die beiden jungen Frauen an. Mein Herz rutschte mir fast in die Hose, aber ich wollte die beiden nicht mit den Männern allein lassen. Also ging ich hin, zog das Mädchen sanft von dem Mann weg und stellte mich zwischen sie. Ich sah die Wut in seinen Augen hochkochen – und ich wurde immer nervöser – immerhin war er einen guten Kopf größer als ich und wirkte nicht so konfliktscheu wie ich selbst. Er trat noch einen Schritt näher bis er so dicht an mir stand, dass ich seinen Atem riechen konnte – ein wirklich widerlicher Kerl.

Diese Situation war für mich sehr extrem, aber ich erinnerte mich an das Seminar im Kampfkunst-Studio und nahm eine aufrechte Haltung ein. Ich verlagerte das Gewicht nach vorne und hielt seinem Blick stand. Dann versuchte ich, dass meine Stimme so fest wie möglich klang als ich sagte: „Die Mädels müssen jetzt nach Hause. Und sie fahren mit mir, verstanden?“ Eine Sekunde lang brannte zwischen uns die Luft und sein Blick wollte mich aufspießen, bis plötzlich alle Luft aus ihm herauszischte. Er sank in sich zusammen, drehte sich um, rief uns noch ein paar Beschimpfungen nach und war verschwunden.

Wir alle drei atmeten erstmal durch und liefen runter zum Gleis, wo ich die beiden in die U-Bahn setzte. Sie waren überglücklich und bedankten sich überschwänglich. Auch ich war froh, dass man mir nicht die Zähne ausgeschlagen hatte – heute glaube ich, dass es niemals so weit gekommen wäre. Ich bin zwar jetzt immer noch kein Superheld, aber die eine Sache habe ich wirklich ernst genommen: Ich bin nicht wehrlos. Du auch nicht. Du hast immer die Wahl ein Opfer zu sein oder einem anderen zu verbieten, dich klein zu machen und dich zu bedrohen. Dieses Wissen allein reicht wahrscheinlich für viele brenzlige Situationen, damit es nicht zum Äußersten kommen muss. Für diese Erfahrung bin ich Ralf Ulbig und den Trainern des Kampfkunst-Studios unendlich dankbar. Denn Selbstverteidigung ist eine Fähigkeit, die du lernst, damit du sie nie anwenden musst.

Florian Beier

Florian Beier

Florian Beier

 

Anmerkung des Kampfkunst-Studios:

Herzlichen Dank Florian für den anschaulichen Bericht!
Über solches „Erfolgsfeedback“ freuen wir uns immer am meisten, denn es bestätigt uns in dem was wir tun und ist uns Lob und Ansporn zugleich. 🙂

Florian ist Fotograf, Coach, Schriftsteller und Dichter.
Mehr Infos zu diesem interessanten Mann gibt es auf marekbeier.de

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